UNPACKED REVOLUTION – ES GEHT AUCH OHNE.

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Plastikverpackungen stören viele Menschen! Michael sagt mit seinen Loseläden dem Plastik den Kampf an und geht so einen großen Schritt in Richtung Umweltschutz.

Hallo Michael, schön, dass Du bei uns bist.

Du betreibst in Hannover inzwischen drei Loseläden, in denen man Lebensmittel, Drogerie- und Haushaltswaren unverpackt kaufen kann. Wie bist du darauf gekommen, einen solchen Laden zu eröffnen?

Das Konzept gibt es schon länger. 2014 wurde der erste Laden in Kiel von einer Französin eröffnet, die die Idee aus ihrem Heimatland mitgebracht hatte, wo das schon ziemlich verbreitet ist. In Deutschland fand sie eine „unverpackt-Wüste“ vor. Damals geriet ich zufällig auf ihre Internetseite und dachte mir: „Interessant, da kann man ja richtig was für die Umwelt tun.“ Ich fuhr zu ihr und war völlig begeistert. Auf dem Rückweg war klar: Das mache ich auch.

Gab es für Dich persönlich zu der Zeit den Wunsch nach Veränderung?

Ja. Ich bin eigentlich selbständiger Tischlermeister mit eigener Werkstatt. Aber da ist die Möglichkeit, umweltmäßig wirklich etwas zu bewirken, leider relativ gering. Mir war klar, dass wir gegen die Wand fahren, wenn wir so weiter wirtschaften wie bisher, und das kann ich als Tischler nicht gut verhindern. Da ist ein Loseladen schon deutlich wirksamer. Und es ist auch so, dass man als Tischler eine harte körperliche Arbeit hat – das kann man auch nicht unbegrenzt lange. Da kamen eigentlich all diese Gründe zusammen.

Wenn man sich hier so umguckt, hat man das Gefühl, dass viel Tischler-Genie in der Einrichtung steckt.

Ich habe tatsächlich alles, was man hier sieht, selbst in meiner Tischlerei gebaut. Am meisten hatte ich mit dem Erfinden der Lebensmittelspender zu tun. Als ich 2015 anfing, gab es keine nachhaltigen Spender, sondern nur welche aus Kunststoff. Das ist ja ein Widerspruch in sich, wenn man Plastik vermeiden will und dann die Waren in Kunststoffspendern anbietet. Außerdem verschleißen die, alle 7 Jahre kann man die Einrichtung austauschen und hat damit neuen Kunststoffmüll produziert, den man eigentlich vermeiden möchte. Das, was man vorher eingespart hat, ist dann relativiert.

Da es nichts auf dem Markt gab, dachte ich mir: „Okay dann machst du es halt selbst!“ Ich habe ein Jahr lang getüftelt, viele Fehlentwicklungen gehabt und auch ziemlich viel Geld versenkt. Irgendwann kam dann dieser Spender dabei heraus, der jetzt hier überall hängt und den ich auch an andere Läden vertreibe.

Du hast auch jemanden, der Dir diese Glaszylinder herstellt?

Die beziehe ich direkt von Schott Glas. Das ganze Innenleben machen überwiegend regionale Firmen. Die Trichter werden in einer Metalldrückerei in Geesthacht gedrückt, alle anderen verbauten Edelstahlteile kommen aus Hannover. Auch die Silikondichtungen werden in Deutschland gefertigt, und die Holzrohlinge kommen von einer Spielzeugmanufaktur im Erzgebirge.

Schauen wir mal auf die Produkte: Unverpackt müssen sie natürlich sein. Gibt es sonst noch Kriterien, was die Produkte angeht?

Genau, es gibt eine ganze Reihe an Prämissen, die erfüllt sein müssen. An oberster Stelle steht selbstverständlich unverpackt. Die Produkte müssen trotzdem bei Lieferung irgendwie verpackt sein. Das heißt, die Feststoffe kommen in der Regel in großen Papiersäcken. Aber unsere Nüsse oder Nudeln zum Beispiel kommen in Pfandeimern. Die Eimer werden gespült und gehen dann zurück. Die zweite Prämisse ist Regionalität. Je kürzer die Anfahrtswege, desto geringer ist der ökologische Fußabdruck. Und wir stützen damit auch die regionale Wirtschaft. Dann gibt es die Frage „bio“ oder „nicht bio“. Wenn ein Hersteller bio-zertifiziert ist, dann freuen wir uns sehr. Dann haben wir im Grunde den Königsweg gefunden. Aber das gelingt nicht mit allen Produkten. Ein Beispiel ist unsere Milch aus einer regionalen Hofmolkerei, ohne Bio-Zertifikat. In dem Fall gucke ich mir den Betrieb vor Ort an. Dieser hält seine Weidekühe gut, nicht in irgendwelchen Qualställen, und die Kälber sind noch lange bei ihren Müttern. Dort wird gute Arbeit nach Bio-Standards geleistet, nur ohne Zertifikat. Und wenn ich dann diesen Eindruck habe, dass der Lieferant oder Erzeuger ethisch vertretbar handelt, muss es auch nicht unbedingt bio-zertifiziert sein.

Wie bekomme ich meinen Einkauf nach Hause, wenn ich mal wieder spontan mehr einkaufen möchte, als vorher geplant war, und nicht genügend eigene Gefäße dabei habe?

Der Idealfall ist, dass man sich mit einer Einkaufsliste oder Handyapp gut vorbereitet und dann zuhause schon die Gefäße einpackt, anders als in einem Supermarkt. Gelingt natürlich nicht immer, das ist klar. Man kann hier aber für jedes Produkt ein passendes Gefäß erwerben, das dann natürlich nicht aus Plastik, sondern aus Glas oder Edelstahl ist. Es gibt auch Stoffbeutel, und zur Not auch Papiertüten – wir nennen sie Notfalltüten. Und wenn man kein Geld ausgeben möchte, haben wir den „Kunde-für-Kunden-Korb“, da können die Kunden ihre sauberen und trockenen Gefäße abgeben, und der nächste Kunde kann sich die nehmen.

Die Papiertüten sind ja ökologisch auch nicht wirklich besser.

Deswegen auch Notfalltüten, und wir haben die auch ganz schön überteuert. Eine Tüte, die einen Wert von 8-10 Cent hat, wird bei uns für 25 Cent verkauft; das soll abschrecken. Anfangs hatten wir das nicht. Das führte dann aber dazu, dass ganze Batterien von prall gefüllten Papiertüten auf dem Tresen landeten. Und das war natürlich nicht Sinn der Sache!

Bekomme ich bei Euch alles, was ich in einem Supermarkt bekomme?

Du bekommst im Grunde alles, was man in einem Haushalt braucht. Es gibt ein paar Ausnahmen, die wirklich schwer unverpackt zu bekommen sind. Zum Beispiel ist Katzenfutter immer in Dosen, und ich wüsste nicht, wie es anders gehen sollte. Es gibt Katzenfutter in Schraubgläsern, das ist aber so teuer, dass wir darauf sitzen bleiben. Deshalb gibt es in diesem Fall kein Katzenfutter bei LoLa, bis sich eine Lösung findet. Die Hersteller und Erzeuger stellen sich auch weiter auf uns ein und fangen an, immer mehr Produkte anzubieten, die es vorher nicht gab. Tolle Sache!

Das sind vermutlich alles Produkte, die nicht in großen Mengen hergestellt werden. Sind die dann nicht entsprechend teurer?

Die Preise sind ein ganz wichtiges Thema. Wir sind eigentlich nicht teurer als ein normaler Bio-Laden. Wir haben nur keine Verpackung und weisen den Kilopreis aus. Die verbrauchertypischen Packungen haben aber meistens nicht genau ein Kilo. Wenn Kunden bei uns einkaufen, müssen sie also die Kilopreise vergleichen, um zu verstehen, dass wir letztendlich nicht teurer sind. Aber! Die Kosten für Müllentsorgung, die über Müllgebühren externalisiert werden, entstehen durch uns gar nicht. Auch gesundheitliche Folgekosten zum Beispiel durch konventionelle Ware, die mit Pestiziden behandelt wurde, gibt es hier nicht. Diese Folgekosten müssten theoretisch bei konventioneller Ware mit eingepreist werden. Und wenn das so wäre, dann wären die Amazons, Aldis und Lidls dieser Welt teurer als wir.

Ich wohne in Hannover und kann meine Mülltonne nicht abbestellen – egal, wie wenig Müll ich produziere.

Das ist politisch so gewollt. Wir arbeiten dran: Vielleicht werden diese Kosten irgendwann nicht zwangsweise pauschal erhoben, sondern der Verursacher muss zahlen. Dann würde sich ökologisches Verhalten tatsächlich auch als Ersparnis niederschlagen.

Wie kommen eigentlich die Produkte hier her? Das ist doch wahrscheinlich schon mit einem Auto mit Verbrennungsmotor und auf Kautschuk-Reifen?

Ja. Es gibt allerdings eine schöne Geschichte dazu. Wir werden demnächst einen Kaffee einführen, der fair und biologisch in Südamerika produziert wird und emissionsfrei mit dem Segelschiff in Rotterdam ankommt. Von dort wird er dann mit dem LKW auf Europa verteilt. Das ist noch suboptimal, aber dann kommt eine andere Firma, die den Kaffee mit Lastenrädern in den Ländern verteilt. Da werden die Fährräder staffelweise weitergegeben.

Und dann kommen die Lieferungen hier mit dem Fahrrad an?

Ja, oder mit anderen alternativen Antrieben. Aber dadurch wird der Kaffee sehr teuer, da kosten 100 Gramm 5 Euro statt 2 Euro. Das zu zahlen, muss man bereit sein. Das ist ein Prozess, der sich über Jahre entwickelt und langsam in das Bewusstsein der Menschen einsickert. Sie sagen: „Alles ist unverpackt und bio, aber letztendlich wird es mit dem LKW angeliefert. Das ist doch nicht gut!“ Recht haben sie! Daran arbeiten wir.

Und wann hast Du selber das letzte Mal etwas Verpacktes gekauft und was war das?

(Langes Überlegen …) Das ist echt lange her. Ich glaube, das war tatsächlich das Katzenfutter.

Vielen Dank für Deine Zeit und weiterhin viel Erfolg.

Weiteres zu den Loseläden findest Du hier:

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